Stoppt Mansplaining: Warum nicht nur Männer die Welt erklären sollten

Jede Frau kennt es: ein Mann, erklärt die Welt! Selbst wenn die Frau selber eine ausgewiesene Expertin für ein bestimmtes Thema ist. Es gibt sicher einen, der ihr genau diesen Bereich erklären will. Allerdings ohne, dass er darum gebeten wurde. Genau dieses Phänomen ungefragter männlicher Überlegenheits-Demonstration nennt man Mansplaining. Rebecca Solnit, eine amerikanische Journalistin und Autorin, hat diesen Begriff geprägt. Ihr Buch ‚Men explain things to me‚ hat den Nerv und das Empfinden vieler Frauen wie einen Nagel auf dem Kopf getroffen.

Wir Frauen kennen diese männliche Eigenschaft  aus unserem täglichen Umfeld. Und wohlgemerkt: auch wenn es verallgemeinernd klingt, ich meine hier nicht alle Männer. Es gibt durchaus auch Frauen, die ähnlich agieren. Man findet diese Eigenschaft allerdings eben häufiger bei Männern. Die meisten tun das auch gar nicht einmal bewusst, sondern weil sie in einem sehr tradierten Rollenbild erzogen wurden, in dem nun einmal der Mann weiß, wie das Leben funktioniert und dieses Wissen, insbesondere an Frauen, weitergeben möchte. Das ist durchaus eine weit verbreitete Facette „männlicher Machtdemonstration“, wie in der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ zu lesen ist. Ich möchte in diesem Artikel noch einen Schritt weitergehen. Denn leider spürt man Mansplaining nicht nur im alltäglichen Umgang, sondern auch in Publikationen, Nachschlagewerken, den Medien und vielem mehr. Genau diesem Phänomen möchte ich auf den Grund gehen und sage ’stoppt Mansplaining: Warum nicht nur Männer die Welt erklären sollten‘.

Mansplaining: Wikipedia oder besser Wikimania?

Neulich habe ich damit angefangen einen Artikel bei Wikipedia zu schreiben. Das online-Lexikon kennt jeder. Es ist einer der wichtigsten und schnellsten Nachschlage-Werke im Internet und bestens gerankt bei Google. Die ursprüngliche Idee, jeden an einem Online-Lexikon mitmachen zu lassen, um das Phänomen der Schwarm-Intelligenz zu nutzen, ist geradezu bestechend und sehr sinnvoll.

Soweit die Theorie. Nachdem ich euphorisch mit meinem Artikel gestartet bin, folgte leider schnell die Ernüchterung. Denn jeder Eintrag muss einen umfangreichen Freigabe-Prozess einer ausgewählten Autorenschaft durchlaufen. Das ist prinzipiell gut so, denn es soll ja möglichst wenig Falsches oder Belangloses in so einer Online-Enzyklopädie stehen. Mein Artikel wurde anfangs stark redigiert und teilweise abgelehnt. Das hat mich im Grunde nicht gestört, ich kann mit Kritik umgehen. Allerdings war der Tonfall dieser Community ausgesprochen harsch, unhöflich und irritierend ablehnend. Ich begann zu recherchieren. Wikipedia bietet auch ein Mentoren-Programm und ich suchte unter diesen dort aufgeführten Mentoren eine Frau. Leider vergeblich. Es ließ sich einfach keine finden.

Ich habe weiter recherchiert und tatsächlich: 90% aller Autoren bei Wikipedia sind männlich. Und nicht nur das: Es sind weiße Männer. Ein Artikel im Wochenmagazin ‚Die Zeit‘ aus dem Jahr 2018 titelte treffend: ‚Weiß, männlich, Wikipedia‚. Nun kann man das kaum Wikipedia selbst vorwerfen, denn es kann ja wirklich jeder mitmachen. Warum aber tun das hauptsächlich Männer? Und noch viel wichtiger: Welche Auswirkungen hat das auf die Artikel, die doch stets mit der Perspektive eines weißen Mannes geschrieben sind. Themen über afrikanische Persönlichkeiten beispielsweise sind durchaus rar. Und 2015 berichtet Hannes Stein in seinem wunderbar pointierten Artikel in der Tageszeitung ‚Die Welt‘ ‚Wikipedia ist eine sexistische Männerwelt‚, dass es bei Wikipedia unter anderem eine durchaus sauber geführte vollständige Liste weiblicher Pornografie-Darstellerinnen gibt, allerdings lediglich eine sehr lieblos und unvollständige Liste deutschsprachiger Lyrikerinnen. Sicherlich das Resultat einer dominierenden männlichen Autorschaft.

Ein ähnliches Phänomen beobachtet man, wenn man Leserbriefe angesehener Tageszeitungen betrachtet: 80% davon stammen von Männern. Geht es hier auch um Mansplaining? Lieben es die Herren der Schöpfung so sehr, die Welt zu erklären, dass sie das auch in Online-Enzyklopädien, Leserbriefen und anderen Quellen tun?

Warum der Faktor Zeit Mansplaining fördert.

Männer scheinen es einfach zu mögen, ihre Meinung zu äußern, sich mitzuteilen. Das ist noch lange kein Mansplaining. Sie beschäftigen sich gerne mit ihren Lieblingsthemen auf einem durchaus professionellen Niveau. Sie lieben es in Details abzutauchen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Daran ist absolut nichts auszusetzen, im Gegenteil: Diese Lust am Detail, am Expertentum, am Vertiefen in das ‚Ding an sich‘, erstmal ohne Profitdenken und bar jeglichen Pragmatismus‘ ist die Basis für Wissenschaft und Fortschritt. Frauen fragen eher nach dem Mehrwert und dem eigenen Nutzen. Kann ich damit Geld verdienen? Erleichtert mir dieses Wissen mein Leben? Nutzt es meiner Familie? Es ist dieser weibliche Pragmatismus, der seine Basis meist in einer ganz bestimmten Sache hat: Dem Mangel an Zeit.

Heutzutage werden immer noch 52,4% mehr Care-Arbeit von Frauen erledigt als von Männern. Wir schreiben zwar das Jahr 2020, aber Kindererziehung, Haushalt, Pflege – leider ist das alles zum größten Teil noch Frauensache und scheint auch gesellschaftlich so akzeptiert. Hinzu kommt, dass die meisten Frauen berufstätig sind, zumindest Teilzeit arbeiten. Das bedeutet, dass zur unbezahlten Care-Arbeit auch noch eine Teilzeit- oder Vollzeitstelle hinzukommt. Problematisch wird all das, wenn der ‚Mental Load‚ überhand nimmt. Damit meint man die Planungs- und Koordinierungsprozesse, um das Paar- und Familienleben am Funktionieren zu halten. Meist ist es die Verantwortung der Frauen, alle To-Dos mitzudenken, die Familien-Managerin zu sein und damit einen wichtigen Teil der Care-Arbeit zu leisten.

Wann soll Frau denn da noch Wikipedia-Einträge schreiben? Einfach so ohne dafür Geld, Anerkennung, bessere Karriere-Möglichkeiten, eine Erleichterung ihres anstrengenden Alltags, etc. zu bekommen? Das bisschen Freizeit, das übrig bleibt, wird häufig in Bewegung und Sport investiert, um den eigenen Körper fit zu halten. Oder man trifft sich mit dem Freundeskreis, um als soziales Wesen nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren. Aber Leserbriefe schreiben? Artikel? Einfach so als Hobby? Den meisten Frauen käme das wahrscheinlich nicht in den Sinn – und das ist gesellschaftlich gesehen eigentlich fatal.

Corona: Der Angriff auf die Gleichberechtigung

Dieses Jahr zeigte es sich ganz besonders deutlich, wie es um das Verhältnis der Geschlechter bestellt ist. Die Corona-Krise wirkte wie ein Brennglas auf Familien und Beziehungen. Das Bregrenztsein auf die eigenen vier Wände, das 24-stündige Zusammensein mit Kindern und Ehepartner legen offen, wer hauptsächlich für die Familienarbeit zuständig ist: Frauen! Während der letzten Monate haben 27% der Frauen ihre Stundenzahl reduziert, um sich um Home-Schooling und Kinderbetreuung zu kümmern. Die Anzahl der Männer, die das getan haben, ist verschwindend gering. Nur 5,8% aller Männer arbeiten in Deutschland Teilzeit, aber 66,2% aller Frauen. Es ist klar, dass derjenige Part sich verstärkt um die Familie kümmert, der weniger arbeitet und natürlich dann auch weniger verdient.

Ganz fatal ist das im wissenschaftlichen Bereich. Während des Corona-Lockdowns wurden 50% mehr wissenschaftliche Artikel von Männern veröffentlicht als von Frauen. Das ist ein eindeutiges Signal dafür, wer sich Zeit für wissenschaftliche Arbeit nehmen konnte und wer nicht. Homeoffice war sehr oft für beide Ehepartner die gelebte Wirklichkeit der letzten Wochen. Das bedeutet, dass die Ausgangsbasis für beide Eltern gleich war. Männer jedoch haben diese besser für ihre eigenen Studien und Arbeiten genutzt. Vielleicht auch für das Schreiben von Wikipedia-Artikeln? Frauen haben die Familie am Laufen gehalten. Die Folgen für Wissenschaftlerinnen werden noch sehr viel länger spürbar sein. Je weniger man veröffentlicht, desto weniger wird man in anderen Arbeiten zitiert, desto unsichtbarer wird man in Forschung und Wissenschaft. Eine der vielen Langzeit-Folgen des Corona-Lockdowns.

Hinzu kommt, dass auch die Medien in ihrer gesamten Corona-Berichterstattung am Bild des männlichen Experten mitgearbeitet haben. Nur 22% aller Wissenschaftler, die während der Krisen-Berichterstattung zu Wort gekommen sind, waren weiblich. Das ist fatal und ein vollkommen verzerrtes Bild. Gerade in der Medizin ist der Frauenanteil höher als der Männeranteil. Wenn aber stets Männer sprechen, zementiert sich das in den Köpfen: Experte = Mann. Es gibt sie da draußen, die weiblichen Experten. Sie spielen durchaus vorne mit. Sie werden aber nicht angefragt, weil die Redaktionen stets tradierte Wege nehmen und gerne auf Bekanntes zurückgreifen, statt Neues auszuprobieren.

Frauen nach vorn: Mut beginnt im Kopf

Jetzt kann man die Verhältnisse anprangern, auf Männer schimpfen, auf Medien – aber das wäre der falsche Weg. Frauen müssen nach vorn. Sie müssen mutiger werden: im Privaten und im Beruflichen. Care-Arbeit kann nur zwischen den Ehepartner gerecht geteilt werden, wenn es vehement genug eingefordert wird. Auch mit der Gefahr einen handfesten Streit zu riskieren. Eine gute Beziehung überlebt solche Diskussionen. Am besten Frau setzt diese Prioritäten von Anfang an. Denn sind Kinder erstmal daran gewöhnt, dass die Mutter alles regelt, werden sie den Vater als Familien-Manager nur schwer akzeptieren. Die Psychologin und Bestseller-Autorin, Patricia Cammarata hat darüber gerade ein fesselndes Buch geschrieben. ‚Raus aus der Mental Load Falle‚ ist ein fulminantes Plädoyer für eine gerechtere Arbeitsteilung in der Familie.

Beruflich gilt das gleiche. Es sind immer noch meistens Frauen, die auf die Führungsposition verzichten oder die sich nicht trauen, ein angemessenes Gehalt zu verlangen und durchzusetzen. Sie sind genauso in anerzogenen Rollenbildern gefangen wie die meisten Männer, die sich vielleicht nicht trauen ihren Anteil der Care-Arbeit auch beim Arbeitgeber einzufordern (Stichwort Elternzeit).  Nur 8% aller Start-Ups werden rein von Frauen gegründet. Diese Zahl ist alarmierend, denn Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus. Was hindert uns Frauen daran, ein Unternehmen zu gründen? Dazu braucht es neben der Idee und einem guten Businessplan vor allem eine gehörige Portion Mut. Frauen beweisen Tag für Tag wie stark, mutig und ausdauernd sie sind. Es wäre gut, sie würden das noch ein bisschen mehr auch im beruflichen Umfeld zeigen. Frauen haben die letzten Jahre schon sehr viel erreicht. Lasst uns weitermachen. Frauen nach vorn: Mut beginnt im Kopf!

Ulrike Rausch-Rieß

Ulrike Rausch-Rieß

Dozentin, Agenturgründerin und promovierte Musikwissenschaftlerin.
Ulrike Rausch-Rieß

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Ein Gedanke zu „Stoppt Mansplaining: Warum nicht nur Männer die Welt erklären sollten

  • 4. Juli 2020 um 18:41
    Permalink

    Was ich mich immer frage: warum fordern nicht mehr Frauen ein, dass sich der Partner 50/50 an der Care-Arbeit beteiligt? Beginnt es nicht im Kleinen, dass viele es scheinbar nicht einmal schaffen ihren Partner im Haushalt und Kinderbetreuung zu involvieren anstatt das fast 100% on top zu übernehmen. Eine solche Beziehung wäre für mich undenkbar!

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