Ja, aber… vom Zögern, Zaudern, Aufschieben und Entscheidungen treffen

Eigentlich ist „Dinge vor sich herschieben“ ein Phänomen, das mich bereits mein ganzes Leben lang begleitet. Das leidige „Räum doch endlich mal Dein Zimmer auf“ meiner Mutter zu Grundschulzeiten, das „Ich mach die Mathehausaufgaben morgen früh schnell im Bus“ in der Kollegstufe, das „Ach, für die Hausarbeit hab ich noch fünf Wochen Zeit, da fang ich nächste Woche mal mit der Basisrecherche an“ während des Studiums oder auch das „Ich muss mich unbedingt mal um meine Altersvorsorge kümmern“ seit ich mir (naja manchmal) Gedanken über meine reale Zukunft mache. All diesen Beispielen ist aber eins gemein: Sie betreffen nur mich bzw. mein privates Umfeld und für die Lösung des Problems bin auch nur ich zuständig. Natürlich gibt es auch bei mir Dinge, die ich auch deswegen vor mir herschiebe, weil es so viele „Ja, aber…“ gibt: Gute oder zumindest auf den ersten Blick gute vorgeschobene Gründe, die eine Entscheidung erst einmal auf morgen oder übermorgen vertagen.

So wars bei mir zum Beispiel bislang mit dem Thema Autokauf oder bei der Frage, ob man das neuestes iPhone wirklich braucht, wenn doch das alte noch vollkommen okay ist – theoretisch. Hier habe ich Glück, dass ich einige Leute in meiner Familie und Bekanntenkreis habe, die mir bei solchen Entscheidungen auch gerne mal in den Hintern treten. Denn mal ehrlich, manchmal ist es doch bequem zu jammern, was man gerne möchte und wie doof die Situation gerade ist, aber eigentlich kann man sich auch nicht aufraffen, etwas daran zu ändern… sei es Gewohnheit, Trägheit oder gar die Angst, die gewohnte Komfortzone zu verlassen, auch wenn die Kissen hier schon ein wenig ausgelegen sind (der Mensch ist halt doch ein Gewohnheitstier).

Soweit so gut… schwierig wird diese „Ja, aber…“ Mentalität aber spätestens dann, wenn davon mehrere Menschen betroffen sind und man selbst nicht in der Position ist, die Entscheidung darüber, wie es nun weiter geht oder was geändert werden muss, zu treffen – vielleicht, weil man sie im Konsens mit anderen treffen muss oder weil man sie vielleicht gar nicht treffen kann, da anderen die Entscheidung obliegt. Natürlich kann so etwas auch im privaten Umfeld passieren, aber viel öfter begegnet einem diese Situation im Berufsleben. Doch was kann man tun, wenn der gewohnte Trott zu anstrengend, zu nervenaufreibend oder gar einfach nur noch ineffizient wird?

Entscheidungen treffen: Rational oder emotional?

Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Tag hunderte von Entscheidungen treffen können oder eben auch müssen. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass soviel Freiheit den Menschen glücklich macht. Forscher haben allerdings heraus gefunden, dass Entscheidungen treffen zu müssen, die modernen Menschen unglücklich macht. Es ist eben nicht mehr die Freiheit, sich entscheiden zu können, sondern es wird auch zur Last, sich entscheiden zu müssen. Die Zeit spricht daher in Ausgabe 6 / 2011 auch von der „Kunst der Entscheidung„. Und wenn man mal ein wenig darüber nachdenkt, muss man den Autoren hier definitiv zustimmen:

"Manchmal scheint das Leben ein endloses Herumirren in einem Wald von Möglichkeiten zu sein. Die Menschen können heute so viel entscheiden wie nie zuvor. [...] Warum zu viel Auswahl unglücklich macht, ist nicht eindeutig geklärt. Die Forscher haben erst angefangen zu verstehen, was bei Entscheidungen in uns vorgeht. Und sie entdecken dabei, wie sehr wir beeinflusst werden: von den Hormonen, den Tricks von Verkäufern, der eigenen Herkunft und der Familie und natürlich von unseren spontanen Gefühlen. Sie zeigen aber auch, warum es so schwierig ist, sich bewusst gegen gesellschaftliche Konventionen zu entscheiden und wie wir mit Fehlentscheidungen umgehen." Quelle: Die Zeit 6/2011

Als Beispiel, wie sehr sich eine Person quält, die keine Entscheidungen mehr treffen kann, wird der Fall des Patienten Elliott des portugiesischen Neurologen Antonio Damasio angeführt. Elliot konnte 1982 nach einer Gehirnoperation keinerlei Entscheidung mehr treffen,was dazu führte, dass er manchmal stundenlang vor dem Radio saß und keinen Sender einstellen konnte. Damasio veranlasste dieser Fall, sich tiefer mit dem Phänomen der Entscheidungsfindung zu befassen. Er fand heraus, dass Menschen nicht wie bisher angenommen als rein rationale Wesen handeln, sondern sich bei Entscheidungen immer auch von unterbewussten Gefühlen, persönlichen Erfahrungen und externen Einflüssen lenken lassen.

Bekanntes und Unbekanntes: Unser Gehirn setzt auf unsere Erfahrung

Psychologen der Universität des Saarlands haben gezeigt, dass wir uns bei Entscheidungen sehr gern auf uns bereits bekannte Alternativen verlassen. So ist es wahrscheinlich auch am besten zu erklären, dass Menschen immer wieder nach den gleichen Mustern Entscheidungen treffen. Das hat auch mit unserem gesellschaftlichen Umgang mit Fehlern zu tun. Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Menschen, die erfolgreich Fehler vermeiden, in Unternehmen bessere Karrierenchancen haben, als Menschen, die eine höhere Fehlerquote aufweisen. Auf den ersten Blick scheint das Vermeiden von Fehlern eine tolle Charaktereigenschaft zu sein, oder? Schließlich leben wir in Deutschland, wo wir all unsere elektronischen Geräte zertifizieren lassen, unsere Autos alle zwei Jahre zum TÜV bringen und uns darauf verlassen, dass die meisten Dinge in unserem Alltag genormt und deswegen besonders sicher sind (*augenzwinkern*). Doch geht es um Entwicklung, um Evolution oder auch Veränderungen der bestehenden Systeme, muss man auch einmal etwas wagen und die Komfortzone verlassen. Darum kranken viele Unternehmen, die sich zu sehr auf die Fehlervermeidung einschießen auch daran, dass sich im Unternehmen nichts bewegt. Denn Menschen, die nur damit beschäftig sind, immer das Richtige zu tun, haben keinerlei Zeit auch mal etwas Neues auszuprobieren, andere Wege zu beschreiten und ja, auch einmal zu scheitern. In meinen Augen kann Scheitern auch eine Chance sein Fehler zu erkennen, neue Lösungswege zu entwickeln und auch „out of the box“ zu denken. Ist das Ausprobieren, das Chancen nutzen und neue Wege gehen so riskant, dass man es nicht wenigstens einmal versuchen sollte?

Entscheidungen treffen? So gehts im Job!

Grundsätzlich muss man das Entscheiden, so wie alle Dinge im Leben, auch erstmal lernen. Die meisten von uns haben das Glück, bereits in der Kindheit erste kleine Entscheidungen treffen zu können und so Stück für Stück zu lernen, auch mit den Konsequenzen von Entscheidungen leben zu müssen. Denn Entscheidungen sind, wie bereits oben gesagt, nicht immer positiv. Oftmals stehen wir im Leben vor Entscheidungen, die für uns oder andere schlimme Konsequenzen haben. Kann ich damit leben, wenn ich mich so entscheide? Habe ich überhaupt eine Chance, die Folgen meiner Handlung abzusehen?

Erst einmal sei gesagt: Niemand kann immer alles bedenken und natürlich birgt jede Entscheidung auch die Gefahr des Irrtums. Manchmal ist dieser Irrtum sogar so groß, dass man im Nachhinein die Entscheidung bereut. Dennoch: Man sollte immer versuchen, seine Entscheidung auf Grund der aktuell vorliegenden Fakten, Umstände, Erfahrungen und Gefühle zu treffen. Was mir besonders wichtig ist: Man sollte niemals eine Entscheidung treffen, die einen selbst unglücklich machen. Man muss immer zu 100% dazu stehen können, egal wie sich die Konsequenzen entwickeln. Faule Kompromisse schaden allen Beteiligten und ändern meist nichts an der Situation.

Wenn einem die Entscheidung nicht obliegt, weil zum Beispiel der Vorgesetzte der Entscheidungsträger ist, sollte man in einem offenen Gespräch alle Argumente vortragen, die demjenigen dabei helfen, die Entscheidung zu treffen. Dabei sollte man versuchen, persönliche Empfindungen und Erfahrungen soweit es geht zurück zu stellen und auch nur belegte Informationen und Fakten zusammentragen. Denn je fundierter die eigenen Argumente sind, desto eher können sie auch als Entscheidungshilfe dienen.

Kleine Schritte sind okay, solange sie aber nicht das große Ziel aus dem Auge verlieren. Oftmals können Entscheidungen auf Führungsebene eine ganze Zeit in Anspruch nehmen. Das sich bis dahin aber nicht zu sehr die „Ja, aber…“ Mentalität einschleift, sollte man versuchen, kleine Veränderungen durchzusetzen. Das motiviert und zeigt vielleicht auch dem Entscheider, dass man bereit ist für einen Erfolg etwas zu investieren. Dennoch: Sollte man trotz mehrmaliger Thematisierung des Problems auf taube Ohren stoßen, muss man zwangsläufig darüber nachdenken, ob nicht die aktuelle Situation für einen selbst zum faulen Kompromiss wird. Wenn man allerdings gemeinsam eine gute Entscheidung treffen kann, die vielleicht sogar noch sehr erfolgreich ist, dann hat man zum Glück alles richtig gemacht!

Egal ob positiv oder negativ: Entscheidungen tun Prozessen gut und nur wer Entscheidungen trifft, bleibt in Bewegung (wie dieses Riesenrad).
Egal ob positiv oder negativ: Entscheidungen tun Prozessen gut und nur wer Entscheidungen trifft, bleibt in Bewegung (wie dieses Riesenrad).
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someonePrint this page
Celine
Follow me

Celine

PR-Beraterin und Social Media Nerd, made in Süd-Berlin, liebt das Internet und Public Relations. Ihr Vorname war Inspiration für diesen Blog.

"The only place success comes before work is in the dictionary."
Vince Lombardi
Celine
Follow me

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.