Der Shitstorm: Die Provokation einer Krise

Gefürchtet ist er, seitdem es das Web 2.0 gibt: der Shitstorm ist der Albtraum eines jeden Kommunikationsverantwortlichen. Nicht auszudenken, wenn unzufriedene Kunden ihrem Ärger in den Sozialen Netzwerken freien Lauf lassen oder Journalisten brisante Themen ans Tageslicht bringen, die sich über Facebook und Co wie ein Lauffeuer verbreiten. Dabei ist der Shitstorm kein Phänomen der Neuzeit: Krisenkommunikation hat schon immer zu professioneller Kommunikation gehört. Das Internet verschiebt jedoch die Dimension eines Shitstorm. Ist man bei klassischer Krisen-PR immer noch dazu in der Lage gewesen, auf aufkommende Berichterstattung zu reagieren, macht eine professionelle Reaktion auf einen Shitstorm kaum Sinn. Rollt die Welle voll Hass und „Kacke“ (im wahrsten Sinne des Wortes) erstmal über das betroffene Unternehmen, gilt es einen klaren Kopf zu behalten und erst einmal abzuwarten. Das man Negatives nicht unterbindet oder gar versucht mit den Usern in einen konstruktiven Dialog zu treten, hat sich inzwischen als nicht praktikabel herumgesprochen. Auch die Krisenkommunikation im Shitstormfall hat sich verbessert.

 

Shitstorm – gefürchtet und geliebt?

Ein absolut neues Phänomen aus den unergründlichen Tiefen des Shitstorms zeigt sich allerdings in den letzten Wochen. War der Shitstorm bisher gefürchtet und wurde gemieden wie das Weihwasser vom Teufel, beobachte ich in den vergangen Wochen den gezielten Einsatz von Shitstorm für Marketingzwecke. Was im ersten Schritt verwunderlich klingt, macht bei genauer Betrachtung der Umstände und Ausmaße von Shitstorms jedoch durchaus Sinn. Die gefürchtete Krise wird von bestimmten Menschen clever genutzt, um von sich Reden zu machen.

 

Homophobie und HipHop – Shitstorm von Bass Sultan Hengzt

Der Berliner Rapper Bass Sultan Hengzt zum Beispiel spielt geschickt mit Klischees und Vorurteilen seiner Fans und der Deutschen HipHop Szene. Hintergrund ist natürlich sein Release des kommenden Albums „Musik wegen Weibaz“. So postet Hengzt in der letzten Woche mögliche Album-Cover. Eins davon zeigte eine schwarz-weiß Aufnahme, auf der zwei Männer kurz vor einem leidenschaftlichen Kuss posieren. Schwule Männer auf dem Cover eines Deutschrap-Albums?

 

Die homophoben Fans des Berliners (und davon gibt es im deutschen HipHop doch den ein oder anderen) fühlten sich von diesem Cover provoziert. Was folgte ist klar: Beleidigungen, die unter die Gürtellinie gehen, Hengzt selbst wird als S******** und Gay Lord beschimpft. Okay, keine nette Art, aber mit diesem provokanten Albumcover eigentlich auch nicht verwunderlich. Hengzt reagierte aber cool. Mit dem Hashtag #ilovehaters postet er nun Hater und deren Kommentare. Für die übrigen Fans natürlich extrem unterhaltsam, rechtlich gesehen durchaus strittig. Die andere Seite der Medaille allerdings macht aus der scheinbar dummen Provokation des Rappers aber einen klugen Marketingschachzug. Der Shitstorm der homophoben Fans beschert dem Bad Boy einen echten Pressehype. So berichten nicht nur Szene-Magazine wie 16bars  oder hiphop.de über ihn und sein neues Album, nein Hengzt schafft es mit dieser Provokation deutschlandweit in die seriöse Medienlandschaft. Egal ob Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online oder Die Welt, der Tagesspiegel, web.de und Bild – alle Magazine berichten ausführlich, selbst die Vice lässt sich über die Heulsusenfans von Hengzt aus. Selbst das MoMa Morgenmagazin von ARD und ZDF lädt den Rapper zur Frühstückszeit ins Studio und spricht mit ihm über Homophobie, HipHop und sein neues Album. Spiel, Satz, Sieg – der Shitstorm hat sich für Hengzt definitiv gelohnt. Mal sehen ob auch das Release des neuen Albums ein Erfolg wird.

 

Shitstorm Roulette bei Circus Halligalli

Einen weiteren, provozierten Shitstorm der ganz besonderen Sorte hielt in dieser Woche Circus Halligalli bereit. Zu Gast waren in dieser Folge Palina Rojinski und Karoline Herfurth. Gemeinsam mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf spielten die beiden Damen „Shitstorm Roulette„. Dabei mussten alle Beteiligten etwas vollkommen Unmögliches auf ihren Facebook-Profilen teilen.

 

Die fiesen Sprüche kamen verständlicherweise bei den Fans nicht besonders gut. Erstaunlich aber ist, dass selbst bunte.de auf Palinas Bluff hereinfällt. So titelte das Klatsch-Magazin online „Shit-Storm nach Attacke auf Fans! Eigentor für Palina Rojinski.„. Ziemlich lustig – oder gar ziemlich peinlich? Auch dieser Shitstorm zeigt: Wer im Gespräch bleiben will, provoziert am besten mal bei Facebook. Das seriöse Handelsblatt berichtet heute ausführlich online über den Social Media Phob des Halligalli-Teams.

 

Shitstorm – der neue Marketing-Hype?

Die aufgeführten Beispiele zeigen ziemlich gut, dass ein Shitstorm manchmal gar nicht so schlecht fürs Image ist, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Und es zeigt auch, dass Social Media Kanäle die Wahrheit nicht für sich gepachtet haben. Die Authentizität, die viele Nutzer Facebook und Co unterstellen, sollte definitiv hinterfragt werden. Nutzer und auch Medien müssen lernen, dass nicht jede Nachricht auf Facebook echt sein muss. Allerdings unterhaltsam sind sie allemal.

#shitstorm4life

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrEmail this to someonePrint this page
Celine
Follow me

Celine

PR-Beraterin und Social Media Nerd, made in Süd-Berlin, liebt das Internet und Public Relations. Ihr Vorname war Inspiration für diesen Blog.

"The only place success comes before work is in the dictionary."
Vince Lombardi
Celine
Follow me

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.